Tagebuch einer Reisenden


Dichtestress reloaded im Repovesi, mit positiven Nebeneffekten

Da dachte ich ja, ich hätte bisher immer so viele Menschen um mich herum gehabt; da war ich aber noch nicht im Repovesi Nationalpark richtig angekommen … Aber der Reihe nach. Zuerst versuchte ich aber, auf dem Weg dahin in Hillosensalmi so einen Self-Rental-Posten für Kanus und Kajaks zu benutzen. Gar nicht so einfach, wenn alles nur auf Finnisch angeschrieben ist. Das Mobilnetz ist aber auch da zuverlässig und rettet mich: Bilder der angeschlagenen Texten mit Online-OCR-Tools zu Text machen, diese dann an Deepl schicken und sie in meinenen Notizen ablegen.

Alles super, könnte mensch meinen. Hätte ich hingegen zuerst geschaut, was alles für Boote da waren, hätte ich mir die Mühen sparen können: es gab leider keine Einer-Kajaks, war also nix mit paddeln. Nun gut, das Wetter war sowieso nicht so einladend, also weiter zum Trailhead in Lapinsalmi, auf viel holperiger Piste (die mit den rumpelnden Querrillen, wo das Auto so gern schwimmt). Dort angekommen traf mich fast der Schlag: da waren an die hundert Autos, und es war klar, dass Einsamkeit an einem Schönwetter-Wochenende in Finnland genauso wenig zu bekommen war wie sonstwo. Nun gut, dachte ich, ich kann mir ja wenigstens das viel gerühmte Klettergebiet am Ohlava-See noch anschauen gehen (das Beste in Finnland!), aber so weit Latschen hatte ich in den vielen Menschen keinen Bock, also fragte ich mein Navi nach dem Weg zum nächsten angegebenen Parkplatz und fuhr los, wieder vor allem Holperpiste, und am Ende kam ich im Trailhead Tervajärvi an und stand vor einer Barriere, obwohl mein Navi noch weiter wollte. Naja, also war von hier doch laufen angesagt.

Roope der Retter

Auch dieser Parkplatz war natürlich nicht leer, aber immerhin deutlich weniger voll (und kleiner). Beim Auskundschaften erspähte ich vor einem Wohmo einen Black-Diamond-Rucksack – dieser Mensch geht klettern, war für mich klar! Also ich mir ein Herz gefasst und in die offene Tür hinein „Hallo“ gerufen, worauf Roope seinen Kopf hinausstreckte und mir gerne bestätigte, dass er klettern gehe, und ja, das sei nicht soo nahe (er fuhr mit dem Gravel-Bike) und klar, ich könnte schon mitklettern, wenn ich denn dahin laufen möge.

Mit dieser erfreulichen Aussicht sah natürlich alles gleich ganz anders aus, und ich machte mich einigermassen hektisch (und kopflos, wie sich herausstellen sollte) ans Packen. Kletterzeug, Zelt/Schlafsack und Futter für drei Tage (wer weiss, wie lange mensch bleiben mag, und daran soll es nicht scheitern), Kleider/Regenzeugs und los, mehr oder weniger. Unterwegs viel mir dann so nach und nach ein, was so alles vergessen gegangen war im allgemeinen Pack-Durcheinander:

  • Zahnputzzeug
  • Badehose
  • und am Schlimmsten: Powerbank

Natürlich wählte ich nicht die Radfahrbare Strasse als Weg, sondern einen schöneren, mit einigem Auf und Ab, und so kam ich erst mitten am Nachmittag an. Roope war auf dem Inselchen am Klettern und auch sonst war der Zeltplatz gerammelt voll. Ich mich also erst mal irgendwo dazwischengequetscht mit meinem Zeug und gewartet, und später auch mein Nachtessen schon mal verspeist, als Roope und Sammy von der Insel zurück waren. Sie würden nach einer Pause nochmal los, ob ich dann mitwolle. Und ob ich wollte! Zuerst übte Roope in einer 7a+ (Los Capitanos) die Moves, danach wollte Sammy noch etwas Einfacheres klettern, und so kam ich zu einer wunderbaren Sundowner-Route im Toprope vom Cliffhead aus, einer schön griffigen, eher soften 6a+ namens Josse, mit schönen Käntchen und angenehmen Fingerrissen (https://27crags.com/crags/olhava).

Hugo in Unterhosen beim Deep Water Solo, mit absehbarem Ende

Abends am Feuer dann, tauten all die stummen Finn’innen ziemlich auf, und es wurde munter quer über alle Seilschaften und Nichtkletternde diskutiert, meist auf Finnisch, was mich aber so gar nicht störte. Roope hingegen radelte zurück zu seinem Wohmo für dich Nacht und kam am nächsten Morgen gegen elf wieder.

Olhava, Tag zwei – Fortsetzung des Spasses

Da unsere Dreierseilschaft erst langsam in die Gänge kam, war ein Kletterkurs bereits in der Route installiert, die sich Sammy für einen Lead-Versuch vornehmen wollte. Kurzerhand wichen wir aus in die Suuri Leikkaus (https://www.thecrag.com/de/klettern/finland/olhava/route/3909356589), eine 6b-Rissverschneidung, dich ich glaub nicht unbedingt hätte so kalt vorsteigen wollen. Sammy hatte auch einen gehörigen Kampf, bis er oben war, von wo aus er mich dann nachsicherte. So gemütlich im Nachstieg hatte ich in der Route sehr viel Vergnügen und konnte Stemmen, Spreizen und Klemmen nach Herzenslust und ohne Stress. Danach war aber genug geklettert für meine Schulter, spürte ich, und ich widerstand der Versuchung, die Kantti noch zu machen. Stattdessen sicherte ich und machte Fotos, auch als Dank, dass ich so spontan mittun durfte.

Mein Akkuproblem konnte Sammy beheben; ich durfte seine Powerbank anzapfen und konnte so noch eine zusätzliche Nacht bleiben, und so einen hoffentlich einsameren Montag mit meinem Heimweg zum Parkplatz verbringen. Da so die Unterwäsche reichlich Zeit zum Trocknen hatte, konnte ich auch noch ein Bad im Olhavalampi geniessen, der angenehm erfrischend kühl, aber nicht kalt war.

Take the long way home

Am zweiten Abend tauten dann auch die schüchternsten Finnen noch auf, und dann wollten sie kaum mehr aufhören zu berichten, und radebrechten in bestmöglichem Englisch, wo es toll sei zum Bouldern (Aland), welche Pilze ich noch sammeln könnte (sah gfürchig uneindeutig aus, ich werd’s lassen) und was sie sonst noch so alles geklettert haben in ihrer Woche Urlaub, in der sie überall hin mit Zug und Velo gereist sind. Geschlafen haben die beiden in Hängematte mit Tarp/Moskitonetz drüber. Eine in Deutschland lebende italienische Familie aus Padova mit Tochter im Finnland-Jahr teilte ihre sämtlichen Leftovers mit uns, ich schickte ihnen dafür die liebevoll übersetze deutsche Kanu-Ausleih-Anleitung für Hillosensalmi. Hugo, der anfangs so schüchterne Bio-Mediziner erzählte, bevor er sich dann auch auf den Weg nach Hause machte noch von seinen alpinen Abenteuern im Ecrins-Massiv (hat da irgendeine Wand geklettert).

Am Morgen brachen dann die zwei verbleibenden Finnen noch zu einem letzten Kletter-Abenteuer auf, und ich machte mich via Olhavanvuori, wo ich Heinno nochmal begegnete, auf den länglichen Weg zurück via Kirnukangas wo ich endlich mal à poil baden konnte – weil ALLEIN! – und Lojukoski zurück zum Parkplatz in Tervajärvi.


Eine Antwort zu „Dichtestress reloaded im Repovesi, mit positiven Nebeneffekten“

  1. Christian Tanner

    Cool!

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